Was ist eigentlich Gesundheitskompetenz?

Stand:

Der etwas sperrige Begriff  beschreibt eine wichtige Fähigkeit, um sich im Gesundheitssystem zurecht zu finden. Ziel ist es, nicht nur Krankheiten zu bekämpfen, sondern Gesundheit zu erhalten und zu stärken.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Wer Gesundheitsinformationen nutzen und Ärzte verstehen kann, lebt gesünder und erhält eher Hilfe.
  • Eine niedrige Gesundheitskompetenz führt häufig zu einem nachteiligen Gesundheitsverhalten, mit ungesunder Ernährung, weniger Bewegung oder mehr Medikamenten.
  • Digitale Gesundheitsinformationen erfordern zusätzlich einen guten Umgang mit Medien. 
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Was ist Gesundheitskompetenz?

Gesundheitskompetenz beschreibt die Fähigkeit, sich im Gesundheitssystem zurecht zu finden. Wer gesundheitskompetent ist, kann Gesundheitsinformationen suchen, verstehen und einordnen. Damit lebt es sich gesünder.

Wer braucht Unterstützung?

Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. So steht es in der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung von 1986. Seit 1998 ist die „Health Literacy“, wie es auf Englisch heißt, ein fester Begriff bei der WHO.

In Deutschland wird vor allem seit der Forschung der Universität Bielefeld über Gesundheitskompetenz diskutiert. Eine 2021 dort veröffentlichte Studie ergab, dass mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung eine niedrige Gesundheitskompetenz hat. Im Vergleich zu einer früheren Untersuchung von 2014 hat sich die Gesundheitskompetenz verschlechtert. Klagten 2014 etwa 54 Prozent der Befragten über große Schwierigkeiten, sich im unüberschaubaren Angebot von Gesundheitsinformationen zu orientieren, so waren es 2020 schon knapp 60 Prozent. Der Grund für den Anstieg: Die schiere Menge und die Widersprüchlichkeit der Informationen.

Besonders Menschen mit Migrationshintergrund, mit chronischen Krankheiten, niedrigem Bildungsniveau sowie geringem Sozialstatus haben häufig Schwierigkeiten. Auch das Lebensalter kann eine Rolle spielen. So haben vermehrt ältere Menschen, aber auch teilweise junge Menschen im Alter von 18 bis 29 Jahren Schwierigkeiten im Umgang mit Gesundheitsinformationen. Bei Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren sind dies laut der GeKoJu Online-Befragung 50,7 %.  

Auch die digitale  Gesundheitskompetenz hat an Bedeutung gewonnen und das nicht erst durch die Corona-Pandemie. Die Ergebnisse der Studie  der Universität Bielefeld zeigen , dass drei Viertel der Befragten eine geringe digitale Gesundheitskompetenz aufweisen und daher Schwierigkeiten haben, mit digitalen Informationen umzugehen. Vor allem finden es viele herausfordernd, zu entscheiden, wie vertrauenswürdig und neutral die dargestellten digitalen Informationen sind.

Außerdem zeigen die Studienergebnisse, dass fast 83 % eine geringe navigationale Gesundheitskompetenz aufweisen. Das heißt: So vielen Menschen fällt es schwer

  • zu verstehen, wie das Gesundheitssystem funktioniert
  • was aktuelle Gesundheitsreformen zu bedeuten haben
  • wo man Informationen zur Qualität von Gesundheitsdiensten oder Gesundheitseinrichtungen findet
  • welche Rechte man als Patientin bzw. Patient im Gesundheitssystem hat.
  • Auch hier zeigen die Ergebnisse, dass dies besonders bei Menschen mit niedrigem Bildungsniveau, niedrigem Sozialstatus und älteren sowie auch jüngeren Menschen zutrifft.


Im Gegensatz zu allgemeinen Gesundheitskompetenz unterscheiden sich Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen mit einer chronischen Krankheit nicht bedeutend von der allgemeinen Bevölkerung hinsichtlich der digitalen und sogenannten navigationalen Gesundheitskompetenz.

2020 zeigte eine weitere Studie der Universität Bielefeld im Rahmen der Corona-Pandemie, dass sich etwa 90% der Bevölkerung zwar gut oder sehr gut über das Coronavirus informiert fühlen, die Mehrzahl der Menschen allerdings gleichzeitig verunsichert ist. Durch die Menge an Informationen fällt es schwer zu unterscheiden, welche Informationen vertrauenswürdig sind.

Und Ende 2020 ergab eine repräsentative Umfrage der AOK, dass knapp die Hälfte (48,4 Prozent) der 8.500 Befragten bei digitalen Gesundheitsinformationen nur schwer beurteilen können, ob die Informationen zuverlässig sind oder nicht.

Diese Umfrageergebnisse machen deutlich, dass eine zielgruppengerechte Unterstützung nötig ist, damit mehr Menschen Gesundheitsinformationen  verstehen und verwenden  können und  Fehl- und Falschinformationen  erkennen können. Auch schließt dies ein, dass Organisationen und Lebensumwelten nutzenfreundlicher gestaltet werden sollen, damit Verbraucherinnen und Verbraucher sich besser orientieren können.

Welche Folgen hat geringe Gesundheitskompetenz?

Laut einer Schätzung der WHO sind drei bis fünf Prozent der Gesundheitsausgaben auf mangelnde Gesundheitskompetenz zurückzuführen. In Deutschland wären das jährlich neun bis 15 Milliarden Euro.

Gesundheitszustand

Von der persönlichen Gesundheitskompetenz hängt ab, wie Menschen subjektiv ihren Gesundheitszustand einschätzen. Je weniger gesundheitskompetent jemand ist, desto weniger fühlt er sich gut oder sehr gut, desto häufiger fühlt er oder sie sich auch durch gesundheitliche Probleme eingeschränkt.

Gesundheitsverhalten

Eine niedrige Gesundheitskompetenz führt häufig zu einem nachteiligen Gesundheitsverhalten – etwa mit ungesunder Ernährung und weniger Bewegung. Zudem nehmen Menschen mit geringerer Gesundheitskompetenz mehr Medikamente ein als Menschen mit höherer Gesundheitskompetenz. Nur kleine Unterschiede zeigen sich im Alkoholkonsum und dem Body-Mass-Index.

Nutzung des Gesundheitssystems

Menschen mit niedrigerer Gesundheitskompetenz

  • gehen deutlich häufiger zum Arzt, Physiotherapeuten oder Zahnarzt
  • haben häufiger krankheitsbedingte Fehltage
  • können sich weniger gut im Gesundheitssystem  orientieren und  wissen nicht so gut, an wen sie sich wenden können
  • nehmen weniger Angebote zur Prävention oder Früherkennung in Anspruch
  • haben Schwierigkeiten, sich über Leistungen ihrer Krankenkasse zu informieren, medizinischen Ratschlägen zu folgen oder an gemeinsamer Entscheidungsfindung mitzuwirken.

Menschen mit hoher Gesundheitskompetenz treiben dagegen häufiger Sport und werden laut Studien seltener in Krankenhäusern behandelt. Gerade weil die Unübersichtlichkeit im Internet häufig zu Problemen führen kann, suchen Menschen mit geringerer Gesundheitskompetenz auch weniger nach digitalen Gesundheitsinformationen.

Wie fördert man Gesundheitskompetenz?

Jeder Einzelne kann sich zwar im gewissen Maße selbst helfen und mit Angeboten wie „Faktencheck Gesundheitswerbung“ mehr über das Gesundheitssystem erfahren. Insgesamt ist es aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. In Deutschland wurde etwa im Rahmen der Gesundheitsreform des Jahres 2000 die Unabhängige Patientenberatung gegründet, später auch die Beratung im Bereich der Reha und der Pflege ausgebaut. In der Forschung gibt es beispielsweise an der Universität Bielefeld ein interdisziplinäres Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung, das Erkenntnisse in die Praxis übermittelt. Seit Anfang 2018 liegt ein „Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ mit 15 konkreten Empfehlungen vor.

Da Kommunikation, Informationsverarbeitung und Gesundheit eng zusammenhängen, gehört zu einer Gesundheitskompetenz auch eine Medienkompetenz, um digitale Gesundheitsinformationen für sich selbst richtig nutzen und kritisch bewerten zu können.

Tipp: Wegweiser für die Online-Suche: Für Menschen auf der Suche nach Gesundheitsinformationen im Netz bietet das Projekt zur „Entwicklung einer Orientierungshilfe zur Stärkung der Verbraucherkompetenz beim Umgang mit digitalen Gesundheitsinformationsangeboten“ (OriGes) einen Wegweiser für die Online-Suche: https://www.gesund-im-netz.net/

Für Jugendliche: https://www.klick2health.net/

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz BMJV