Von der Pandemie zur Infodemie

Stand:

„Fake News“ gibt es nicht nur bei Donald Trump. Mit dem Coronavirus verbreiten sich auch Fehlinformationen rasant. So wird es schwer, Meinungen, Fakten und Unwahrheiten voneinander zu trennen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Untersuchungen zeigen, dass die Menge irreführender und unwahrer Informationen im Netz dramatisch gestiegen ist.
  • „Infodemie“ bedeutet: Es gibt zusätzlich zum Gesundheitsproblem ein Nachrichtenproblem.
  • Die Online-Plattformen tragen besonders zur Verbreitung bei, ändern aber nicht ihr grundsätzliches Geschäftsmodell.
Mythos oder Fakten
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Gerüchte von Knoblauch bis Kamel-Urin

Verschwörungsmythen gab es schon lange, bevor dieses Virus Menschen infizierte. Aber heutzutage verbreiten sich Gerüchte, unwahre Behauptungen oder Falschnachrichten teilweise schneller als seriöse Neuigkeiten oder Fakten. Mit dem Aufkommen der Corona-Pandemie sind Verbraucher nun einer wahren Infodemie ausgesetzt. Jeder ist tagtäglich mit unterschiedlichsten Gerüchten, Falschmeldungen, Werbeanzeigen, Angeboten und Versprechen konfrontiert – zusätzlich zur auch sonst üppigen Gesundheitswerbung.

Viele dieser Informationen können gesundheitsgefährdend sein. Wer sich etwa drauf verlässt, der Verzehr von Knoblauch schütze vor einer Ansteckung mit dem Virus oder Kamel-Urin könne Covid-19 heilen, kann sich oder andere in Gefahr bringen. Ebenfalls verbreitet wurde die Falschnachricht, dass es für einen Corona-Selbsttest ausreicht, tief einzuatmen und die Luft zehn Sekunden anzuhalten. Wer dabei nicht husten müsse, sei nicht mit Covid-19 infiziert. Gerüchte oder Falschmeldungen können auch tödlich sein, wenn Menschen etwa gegen das Coronavirus Desinfektionsmittel innerlich anwenden oder Methanol oder hochkonzentrierten Alkohol trinken.

Insgesamt unterscheidet man zwischen rechtswidrigen Inhalten und Inhalten, die zwar schädlich, aber legal sind. Manche Desinformation geschieht vorsätzlich, manche unbeabsichtigt. Auch die Motivation ist unterschiedlich und reicht von der gezielten Einflussmaßnahme durch ausländische Akteure bis hin zu rein finanziellen Interessen.

Woher kommt der Begriff Infodemie?

Der Chef der Weltgesundheitsinformation (WHO), der Äthiopier Tedros Adhanom Ghebreyesus, sagte bereits Mitte Februar 2020: „Fake News verbreiten sich schneller und einfacher als dieses Virus, und sie sind genauso gefährlich.“ Und er prägte einen neuen Begriff: „Wir bekämpfen nicht nur eine Epidemie, wir bekämpfen auch eine Infodemie.“ Es besteht also zusätzlich zum Gesundheitsproblem ein Nachrichtenproblem. „Infodemie“ bedeutet, dass es einen Überfluss an Informationen gibt, die teilweise falsch und teilweise richtig sind, so dass es Menschen schwer fällt, vertrauenswürdige Quellen und verlässliche Hilfestellungen zu finden.

Dass die Menge irreführender und unwahrer Informationen im Netz dramatisch gestiegen ist und dies viele Menschen beeinflusst, zeigen verschiedene Untersuchungen:

  • Die meisten Informationen über das Coronavirus, so Forschungsergebnisse der Hochschule Heilbronn , werden über Quellen in sozialen Medien geteilt.
     
  • Und gerade in diesen Communities kann die öffentliche Meinung leicht manipuliert werden. So ergab der Cyber Security Report 2019, eine Studie zur IT-Sicherheit in Deutschland, dass 74 % der Entscheider aus Wirtschaft und Politik Fake News für ein „großes Risiko“ für die Menschen in Deutschland halten, und zwar noch vor klassischen Cyber Crimes wie Datenbetrug im Internet (70 %), Diebstahl privater Daten durch Cyber-Angriffe (67 %) oder Computerviren und Schadsoftware (65 %).
     
  • Die größten Verbreiter von Falschinformation in sozialen Medien erreichen dabei fast viermal so viele Zugriffe wie die Weltgesundheitsorganisation.
     
  • Schon 2018 zeigte eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT), dass sich unwahre Behauptungen und Nachrichten auf Twitter deutlich schneller verbreiten und mehr Menschen erreichen als wahre Informationen. Ein unwahrer Inhalt hatte demnach eine um 70 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, von Nutzerinnen und Nutzern weiterverbreitet zu werden.
     
  • Ende 2020 veröffentlichten Forscher der Universität Leipzig ihre zehnte „Autoritarismus-Studie“  mit dem Fazit, dass der Glaube an Verschwörungsmythen in der Bevölkerung seit 2018 gestiegen ist: Von 2.500 Befragten stimmten 30,4 Prozent der Aussage zu: „Die meisten Menschen erkennen nicht, in welchem Ausmaß unser Leben durch Verschwörungen bestimmt wird, die im Geheimen ausgeheckt werden.“ Und gut 38 Prozent glauben, es gebe „geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben“. Nach Meinung von 33,4 Prozent sollen „Politiker und andere Führungspersönlichkeiten nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte“ sein.

Wie reagieren die Online-Plattformen?

Netzwerke wie Facebook, Instagram, Twitter und Co sind zwar selbst dazu übergegangen, Falschinformationen zu kennzeichnen oder innerhalb einer bestimmten Frist zu löschen, gewisse Gruppen zu sperren oder die Reichweite bestimmter Posts einzuschränken. 2018 unterzeichneten mehrere der großen Internetfirmen einen Verhaltenskodex zur Selbstregulierung. Nach dem Sturm aufs Kapitol in Washington im Januar 2021 sperrte Twitter das Konto von Donald Trump dauerhaft und löschte mehr als 70 000 Accounts von Unterstützern der Verschwörungstheorie QAnon.

YouTube sperrte im Januar 2021 dauerhaft den Kanal des Verschwörungswortführers Ken Jebsen, da dieser wiederholt gegen die Covid-19-Richtlinien der Videoplattform verstoßen hatte. Auch die Landesmedienanstalten werden auf Grundlage des neuen Medienstaatsvertrages nun vermehrt tätig gegen Anbieter, die für Behauptungen keine oder unzureichende Quellen anführen und damit gegen journalistische Sorgfaltspflichten verstoßen. Mit dieser Befugnis zur Regulierung der sogenannten Medienintermediären können die Medienanstalten prüfen, ob Transparenzpflicht und Diskriminierungsfreiheit bei den Plattformen eingehalten werden. Im Gegensatz zum Presserat können die Landesmedienanstalten von sich aus tätig werden. Schärfste Sanktion ist die Anordnung, die betreffenden Inhalte aus dem Netz zu nehmen.

Doch das Geschäftsmodell der Online-Plattformen bleibt das Gleiche, und es basiert eben darauf, Nutzer möglichst lange bei der Stange zu halten. Das funktioniert am besten mit Emotionen, und Emotionen lassen sich besonders gut mit negativen Nachrichten erzeugen. Intensive Debatten bedeuten hohe Verweilzeiten und das wiederum bedeutet gute Werbeeinnahmen.

Was tut die Politik?

Die Europäische Union geht seit 2015 gegen Desinformation vor. Dafür wurde eine Task Force eingerichtet und die Webseite „EU vs DisInfo“. Im Rahmen eines Aktionsplans betreiben die EU-Mitgliedstaaten gemeinsam ein Schnellwarnsystem, zudem gibt es Unterstützung für Medien und unabhängige Faktenchecker. Die EU fordert von den großen Onlineplattformen, künftig monatlich anstatt jährlich Transparenzberichte zu erstellen. So soll sichtbar gemacht werden, wie sie die Verbreitung von Desinformation beschränken, gegen gezielte Falschinformationen vorgehen und gewährleisten, dass mit Desinformationen keine Werbeeinnahmen generiert werden. Zudem ist ein Gesetz für digitale Dienste in Arbeit, um die Marktmacht von Konzernen wie Google, Facebook oder Amazon zu beschränken.  Juristische Maßnahmen gegen Fake News sind derzeit jedoch nicht geplant.

Die Auswirkungen dieser unüberschaubaren Menge an Informationen sind bekannt: Sie erschweren den Zugang zu präzisen und wissensbasierten Informationen und zu verlässlichen Gesundheitsempfehlungen. Die stetige Präsenz des Themas führt laut einer Studie der Universität Wien  bei Verbrauchern zu Angstzuständen, Sorgen und anderen psychischen Gesundheitseinschränkungen. In der Folge sind Menschen offenbar eher dazu bereit, irreführende oder sogar gefährliche Ratschläge anzunehmen. Zudem kann die Dominanz des Themas Corona und Covid-19 zu Ermüdungserscheinungen führen sowie zu Desinteresse und Ablehnung gegenüber weiterer Information.

Linktipp:
https://euvsdisinfo.eu/ (EU-Seite, englischsprachig)
https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/advice-for-public/myth-busters (WHO-Seite, englischsprachig)

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz BMJV